Sommerakademie 2017

Foto aus dem Zoderarchiv C 351.
Der Mariazeller Goldschmied Ignaz Sampl singt,
Sampl ist ein eifriger Sammler…, Mariazell 1934

Volkskultur als Dialog: Erbschaften, Traditionslinien & Prägungen

 23. – 26. August 2017, Gmunden am Traunsee
Die nächsten beiden Sommerakademien greifen das Thema Erbschaften auf.  Von 23. – 26. August 2017 sollen mit „Traditionslinien“ Kontinuitäten und Brüche in der Praxis der Volkskultur behandelt werden. 2018 zielt die Sommerakademie auf diese Prägungen eher institutioneller Art ab.

Kulturelle Erbschaften gehören in das Denken der Moderne. Sie drücken sich aktuell in kulturwissenschaftlichen und politischen Debatten um die „Erinnerungskultur“, das „Immaterielle Kulturerbe“ der UNESCO oder „Heritage“ aus, so dass man von einem „Memory boom“ spricht. Auch die Archive arbeiten unter dem Stichwort „Digital Heritage“ ihre Dokumente auf und ordnen sie neu, um sie weltweit verfügbar zu machen.

Mit den Traditionslinien wollen wir Vorstellungen von Kontinuitäten verstehen, die man auf ihre Geschichte, ihre Genese, ihre intendierte Wirksamkeit und ihre Haltbarkeit befragen kann. Die Suche nach solchen Kontinuitäten scheint sich in der Gegenwart zu verstärken. Verschiedene Phänomene im Alltag, wie die Vorstellungen und Bilder von „Musikerdynastien“, die wieder- oder neuentdeckt werden, unterstützen eine solche Vorstellung von Kontinuität. Auch der Gattungsbegriff der „Familienmusik“ gehört dazu. Sie enthalten nicht nur eine Idee von der Form musikalischer Wissensvermittlung. Solche gesetzten Kontinuitäten können als innerfamiliäre Zusammenhänge und verschiedene Formen des alltäglichen Verwobenseins in Nachbarschaft, Gemeinde und Brauchgeschehen beleuchtet werden. Andere Fragestellungen, wie etwa die Gender-Frage ließen sich auf den Bereich der familiären wie der lokalen Wissensvermittlung anwenden. Traditionslinien bedeuten also mehr als nur eine Weitergabe von Wissen.

Die regionalen Formen der Volkskultur und die musikalischen Prägungen dieser haben oftmals mit öffentlichen Institutionen und Bildungseinrichtungen zu tun. Traditionslinien und Prägungen könnten als Gründungserzählungen oder -mythen der Volkskultur gehandelt werden. Dabei sind auch Liederbücher und andere Dokumente volkskultureller Praxis als Erbschaften zu verstehen. Hier kann am Material die fixe Idee der Mündlichkeit als „essential“ diskutiert werden. Instrumente und deren HerstellerInnen lassen sich als regionalspezifisch lesen. So werden diese ebenso mit Kontinuität als Prädikat betrachtet. Das reicht bis in das Regional-Marketing, womit das Bild von Regionalität als ein bewusst Konstruiertes vermittelt werden kann. Viele der als regional deklarierten Spezifika sind erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie wurden vom Gewöhnlichen zur Besonderheit verändert oder zum Typischen (meist „Ländlichen“) regionalisiert. Dabei ließe sich fragen, inwieweit Landbilder nicht ohnehin in der Stadt entstanden sind. Die seit Anfang des 20. Jahrhunderts diskutierte Frage, ob das österreichische Volkslied die Klassik oder die Klassik das Volkslied beeinflusst habe, gehört dazu. Initiativpersonen wie StilbildnerInnen haben solche Fragen aufgeworfen, sie mit musikalischen Stilen verbunden und als regionale Spezifika deklariert. Als zentraler Aspekt von Erbschaft erzeugen sie Traditionslinien wie auch Prägungen, in dem sie Stile markant machen, durch Rhythmik, Linien, Melodieführung oder dominante Instrumente. Wichtig sind im Zusammenhang mit Erbschaften prägende Persönlichkeiten von VermittlerInnen als auch ForscherInnen, deren Aktivitäten und deren Bedeutung, mit der Regionalisierung und Nationalisierung in Verbindung stehen und zu Formen von „Alleinstellungsmerkmalen“ geführt haben. Ist schließlich das „Intangible Heritage“ der UNESCO mit der Fixierung bestimmter Genres und Gattungen auf dem Weg zur Re-Regionalisierung und Nationalisierung  zu verstehen? Die beiden genannten Aspekte, Traditionslinien und Prägungen, sind nicht trennscharf und dienen nur als Anhalt. Im Rahmen der Tagungen werden diese auf ihre Geschichte, ihre Genese, ihre intendierte Wirksamkeit und ihre Haltbarkeit befragt.

Das Programm

Mittwoch, 23. August 2017

„Erbschaft und Region“

16.00 – 18.00 Uhr
– Einführung. Konrad Köstlin, Vizepräsident und Leiter der Wissenschaftlichen Kommission des Österreichischen Volksliedwerk
Kulturlandschaften im Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Fortschritt. Christian Hanus, Dekan der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur, Donau-Universität Krems

19.30 Uhr 
– Empfang im Rathaus der Stadt Gmunden

Donnerstag, 24. August 2017

„Muster des Tradierens“

9.00 – 12.00 Uhr
Albert Brosch und seine Sammlungen. Elisabeth Fendl, Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa, Freiburg
HEIMatMUSIK. Ein Liederbuch für Singstunden in der Altenbetreuung (in Tirol). Cornelia Mayr und Christof Hager, Institut für Volkskultur und Kulturentwicklung
Einmal hin, einmal her“. Unterschiedliche Narrative des österreichischen Volkstanzes. Lecture  Performance mit Laura Unger, Künstlerin. Diskussion gemeinsam mit Regina Picker, Künstlerin

15.00 – 18.00 Uhr
Die Rückkehr der Bordunmusik in Europa. Motive, Mythen, Kontinuitäten. Ulrich Morgenstern, Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie  an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, musikalische Begleitung Simon Wascher
Quellmalz. Ein Dokumentarfilm von Mike Ramsauer, Filmautor im Auftrag des Bereichs Deutsche und ladinische Musikschulen, Referat Volksmusik, Autonome Provinz Bozen.
Im Anschluss Diskussion mit Mike Ramsauer, Brigitte Mantinger Referat Volksmusik und Thomas Nußbaumer Department für Musikwissenschaft / Fachbereich musikalische Ethnologie (IBK), Universität Mozarteum

Ab 20.00 Uhr optional
Auswahl von Sendungen „Fein sein beieinander bleiben“ von und mit Walter Deutsch, Ehrenpräsident des Österreichischen Volksliedwerks

Freitag, 25. August 2017

„Funktionen“

9.00 – 12.00 Uhr
– Das Geistliche Lied und seine Bedeutung in Wallfahrt und Volksfrömmigkeit. Eine Feldforschung aus dem Niederösterreichischen Weinviertel. Markus Göller, Fachgruppenkoordinator für Tasteninstrumente im Musikschulmanagement Niederösterreich, Kirchenmusiker, Musikpädagoge
– Die Rolle der Musik in der Identitätsstiftung der Burgenland Kroaten. Joachim Hombauer, Student an der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien
– Emil Karl Blümml (1881 – 1925). Martha Vevera, Wiener Volksliedwerk

15.00 – 18.00 Uhr
– Das Innviertler Zechenwesen und seine Innviertler Landler. Verena Auer, Lehrerin und Studentin am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
– „Holleri du dödl di …“. Der Jodler und seine Vermittlung im Wandel der Zeiten. Vortrag mit praktischen Übungen. Herbert Krienzer, Steirisches Volksliedwerk
Goiserer Singstunden. Familienmusiktradition im Salzkammergut. Interview mit Klaus Neuper, Musiker ua. bei Goiserer Klarinettenmusi, Lehrer

19.00 Uhr
– Traunseeschifffahrt mit der Goiserer Klarinettenmusi, Abfahrt Anlegestelle Gründbergseilbahn

Samstag, 26. August 2017

„Resümee“

9.00 – 12.00 Uhr
Rumänische Tänze und Musik in Siebenbürgen. Vortrag und Workshop über eine interfamilliäre Übergabe. Răzvan Roşu, Universität Wien/ Univesiatea Babes Bolyai
– Kontinuitäten und Brüche in der Volkstanzpflege. Simon Wascher, Musiker, Tanzlehrer und Volksmusikforscher
– Im Anschluss Diskussion, Resümee und  Ausblick mit Justin Stagl