Sommerakademie „Volkskultur als Dialog“

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„Volkskultur als Dialog: Volksmusik und Volkslied und / als Moderne“

25. – 28. August 2021, Hotel Magerl Gmunden

Volksmusik und Volkslieder haben immer wieder Anregungen gegeben. „Einfache“ Instrumente wurden „klassischer“ Musik implantiert.  Zitate in der „Bauernkantate“ Johann Sebastian Bachs oder die Maultrommel bei Johann Georg Albrechtsberger sind als Stilmittel bekannt. „Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ gehören in die frühe Moderne. Seit dem 19. Jahrhundert bilden sich neue Formen des Musikalischen aus und generieren in Stadt und Land lokale Eigenheiten als Geschichten. Als traditionell aufgefasste, in verschiedenen Formen überlieferte Volksmusik und Volkslieder dienen heute als offenbar frei zugänglicher Steinbruch, dazu auch Instrumente, Stimmen und Rufe. Das geschürfte Material weckt unterschiedliche, jeweils „kulturell gelernte“ Assoziationen. Die können weltoffener wie auch einengender, begrenzender Art sein. Musikalische, sprachliche, gesellschaftlich-historische und regionale Begründungen bieten Analogien und Anregungen zu gegenwärtigen Lebensformen. Das Material wird als (oft fromme) Kontrafaktur, als Parodie ironisch gewendet, im Paraphrasieren zugänglich. Heute gelten Sampling, Collagieren, Montieren oder Crossover als medien- und materialbezogene ästhetische Strategien. Auf einer anderen, ebenfalls aktiven und ausdrücklich informellen Seite ist die „Community Music“ zu nennen. Mit einem Akzent auf demokratischem Zugang werden in der Schulpädagogik  Formen des gemeinschaftlichen und voraussetzungslosen Zugangs praktiziert.

Im öffentlich zugänglichen „Steinbruch“ scheint ein Abbau lohnend zu sein. Dürfen alle zulangen, weil das Kulturgut, als „immaterielles Erbe“  geadelt, allen gehört? Oder gar dem „Volk“? Erlöst „volkstümlich“ als Vermerk vom Urheberrecht? „Kultur kennt keine Grenzen“ ließe sich umkehren. Nicht nur in neuen Nutzungen schafft Kultur auch Grenzen als Distanz und Differenz. So lässt sich überlegen, ob die Nutzung von Volksmusik und ihrer Kontexte (um die geht es häufiger als um die Musik selbst) nicht auch Trennungen schafft, wenn und wo sie als Besonderes instrumentalisiert akzentuiert wird. Kultur kann also auch der Produktion oder gerade im UNESCO-Kontext zur Reproduktion kultureller Grenzen taugen, ist Anregung, Versatzstück, Hinweis auf Zugehörigkeit und Haltung, zusätzliche Farbe. Kann der Bezug zur Region, Ethnie, etc. Ausdrucksmittel anbieten, die in einer als verwirbelt und unübersichtlich erfahrenen Welt als gegenläufige Orientierung gesehen werden?

„Traditionelle“ musikalische Ausdrucksformen stehen ganz offenbar nicht im Gegensatz zu unserer Moderne, sondern gehören zu ihr, sind also zeitgenössisch. Der Schein des Altartigen kann ihnen reizvoll als Kontrast anhaften. Wenn dieser Befund zutrifft, muss es dafür Erklärungen geben, denen nachzugehen ist. Oft sind sie mit der Hoffnung verbunden, ihr  „alter“ Kontext („Gemeinschaft“) möge sich einstellen. Die Attraktivität, die alte Instrumente Brummtopf, Drehleier, DudelsackHummel, Maultrommel, eigene Metren und Melodien, Techniken etc. ausübenmögen als Melange regionaler, lokaler Bruchstücke als Versatzstücke für neue Identitätsproduktionen entdeckt und aktiviert werden.

Der Verweis auf Tradition und Herkommen ist auch ein Akt der Positionierung. Arbeit an und mit der Tradition ist eine Auseinandersetzung mit ihr und bringt daher Neues hervor. Es lässt sich überlegen, in welcher Weise „Traditionelles“ anregend bleibt, wenn ihm eine Erzählung, ein Narrativ verpasst wird. Ohne ein Narrativ – ohne die Geschichten – blieben Volksmusik und Lieder konturlos. Um die Geschichten geht es. Was erzählen sie, was transportieren die Versatzstücke, die mehr oder minder großen Brocken des Steinbruchs, der musikalische Volkskultur heißt? Konkret gefragt ist das weite Feld der Inanspruchnahme der Musik und ihrer Kontexte, der Wünsche und Hoffnungen, der ländlichen und urbanen Selbstbilder, die in sie hineingelegt werden.

Anhand von Vorträgen, Diskussionen Workshops soll bei der Sommerakademie das weite Feld der Beziehungen von Volksmusik und/als Moderne erörtert werden. Wir laden daher Personen aus dem Bereich der „Volkskultur“ aller Felder der Bildungsvermittlung ein, Vorschläge für Vorträge, Workshops, Präsentationen aus Wissenschaft und Praxis einzureichen.

Wir freuen uns auf Einreichungen bis zum 31. März 2021 unter: sommerakademie@volksliedwerk.at.

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Wir werden auch heuer die Modalitäten offen gestalten. Das Programm wird dahin beweglich bleiben müssen. Die Formate der Veranstaltung und auch Rahmenbedingungen vor Ort werden sich an die aktuellen gesetzlichen Vorgaben und Sicherheitsbestimmungen betreffend Covid-19 halten.

Die Sommerakademie

Die Sommerakademie „Volkskultur als Dialog“ wird seit 1992 mit Unterbrechungen abgehalten. Sie ist eine Diskussionsplattform, die sowohl den praktischen als auch den theoretischen Zugang zur Volkskultur zu hinterfragen und zu überprüfen versucht. Ziel dieser jährlichen Veranstaltungsreihe ist es, das breite Betätigungsfeld der Volkskultur zu reflektieren und Brücken zu schlagen zwischen jenen, die Volkskultur leben, und jenen, die sich wissenschaftlich damit beschäftigen. Denn Volkskultur ist ein lebendiger Dialog zur Selbstvergewisserung unserer modernen Lebenswelt.