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Sujet

Musik und ihre Orte


Sommerakademie "Volkskultur als Dialog"

26. - 29. August 2015, Gmunden am Traunsee

Musik spielt sich nicht im luftleeren Raum ab. Sie hat ihre Orte und ist oft funktional mit Arbeit, Fest oder auch Trauer verbunden. Orte und mit ihnen verbundenen Anlässe bestimmen Melodien, Instrumente und Texte. Landschaften haben ihre Musiken. Sie kennen offenbar auch “typische” Melodien und ihre Instrumente zu den Anlässen und Orten. Mit Instrumenten werden Stimmungen und musikalische Gattungen verbunden. Oft werden sie mit ihnen so ‚konnotiert‘, dass uns ihre Zugehörigkeit selbstverständlich erscheint. Wenn sich Musik diesen Konnotationen verweigert, irritiert sie oder schafft sie – je nach Perspektive – Neues, Interessantes, bisher Ungehörtes, Unerhörtes.

Sozio-kulturelle Bedingungen und daraus entwickelte Lebensformen haben Musiken und Gattungen entstehen lassen. Orte wie die Stube haben sich verändert. Und die Stube als neu definierter Ort hat die Instrumentierung verändert. Die melodisch domestizierte Stubenmusik aus der Mitte des 20. Jahrhunderts hat als neue Gattung den Ort Stube neu vermessen und als ihre Musik, “Stubenmusik”, konturiert. So hat sie eine neue gesellschaftliche Situation abgebildet. Für die Gattung hat sich eine neue Praxis etabliert. Frauen haben dabei einen Ort in einer bisher von Männern dominierten Kultur gefunden, ja erobert. Tobi Reiser könnte man so als einen Agenten der Emanzipation verstehen. Die kammermusikalisch gewordene Musik wird, wiewohl umstritten, zum verfeinerten, leisen, eher femininen Genre, das sich als historisch intoniert.

Diskutieren wollen wir mit Musik und ihren Orten auch die Beschaffenheit der Instrumente. Die Abwesenheit von Instrumenten (mit Ausnahme der Stimme) an bestimmten Orten und Anlässen, wie etwa bei Totenklagen, sollte beachtet werden. Mit den Orten und deren neuen Bestimmungen ändern sich Musiken. Das Wirtshaus von einst als Ort der Männer ist ein anderes als das heutige. Heute wird das “musikantenfreundliche Wirtshaus” ausgezeichnet: als Besonderes, das einst das Übliche gewesen sei. Das Bild des alten Wirtshauses wird zitiert, seine Musiken geben sich als authentisch.

Der Volkskundler Hans Moser hatte Ende der 1950er Jahren den Folklorismus kritisiert. Das als Brauch Vorgeführte finde zur falschen Zeit, am falschen Ort und Anlass, also im falschen Kontext statt (Beispiel: Alpine Perchtengestalten in einer Wiener Shopping Mall). Doch nicht nur „interkulturell“ sind Ortswechsel keine Seltenheit. Auch Konturen „einheimischer“ Musik verändern sich. Wäre also eine neue Vorstellung von Authentizität zu diskutieren?

Alle Arten von Räumen und Orten, Arbeitsplatz, Schule, Straße oder Kirche und Küche (“kitchen-player”), alle Arten von Instrumenten in ihrer Materialität, auch als instrumentale Archaik der “Kultursachen” in Nachbauten und Neuschöpfungen (der Neudeutung von Drehleier und Dudelsack, Hummel oder Brummtopf) und der Neu- oder Wiedereroberung des öffentlichen Raumes wie auch die Privatisierung des einst Öffentlichen lassen sich diskutieren.

Dazu heißen wir alle VertreterInnen von volkskulturellen Verbänden, Initiativen und Einrichtungen sowie MusikerInnen, SängerInnen und TänzerInnen, PädagogInnen, Studierende, KulturwissenschaftlerInnen, VertreterInnen aus Wirtschaft und Tourismus und alle an Volkskultur und deren Nutzen interessierte Personen herzlich willkommen!
 

Das Programm 2015


Mittwoch, 26. August 2015

16.00 – 18.00 Uhr
-) Eröffnung. Konrad Köstlin, Vizepräsident und Leiter der wissenschaftlichen Kommission des Österreichischen Volksliedwerks 
-) Musikalische Lernorte im privaten und öffentlichen Raum. Beispiele aus Volksmusiklandschaften des Alpenraums und Osteuropas. Ulrich Morgenstern, Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
-) Musik verortet.
   1/ Historisch-kritische Aspekte. Eva Maria Stöckler, Leiterin Zentrum für Zeitgenössische Musik Donau-Universität Krems
   2/ Psychoakustische Aspekte. Wolfgang Dreier-Andres, Salzburger Volksliedwerk

19.30 Uhr
Empfang im Rathaus Gmunden

Donnerstag, 27. August 2015

9.00 – 12.00 Uhr
-) Präsentation des Jahrbuchs des Österreichischen Volksliedwerks, Erna Ströbitzer, Redaktion
-) Wieviel Musik verträgt die Natur? Klaus Petermayr, Oberösterreichisches Volksliedwerk
-) Die Stube als Ort. Konrad Köstlin
-) STUBNMUSI – ein Klang mit unüberhörbaren Folgen. Walter Deutsch, Ehrenpräsident Österreichisches Volksliedwerk

15.00 – 17.30 Uhr
-) Vom Vorstadtwirtshaus zum bürgerlichen Ballsaal. Wiener Ballkultur und ihre Entwicklung zwischen den europäischen Revolutionen 1789 bis 1848. Reingard Witzmann, Ethnologin
-) Volkskulturpraxis und Subsidiaritätsprinzip.
   1/ Zwischen Mehrzweckhalle und volkskulturellem Neuschwanstein. Simon Wascher, Musiker, Tänzer, Forscher, Veranstalter
   2/ Schritte zum Tanzen. Workshop mit Hermann Haertel, Musiker und Simon Wascher

19.30 Uhr Volksmusiktriade auf der Grünbergalm
Mit dem Hornquintett Matterhorns, dem Wiener Duo Walther Soyka & Karl Stirner und der Weltband.
Bergfahrt 19.00 Uhr von der Talstation Grünberg-Seilbahn Gmunden

Freitag, 28. August 2015

9.00 – 12.00 Uhr
-) Das Florianisingen in der Südsteiermark. Vom Verschwinden eines Brauches, der am falschen Ort stattfand. Eva Maria Hois, Steirisches Volksliedwerk
-) „Wir ziehen daher …“. Gegenwärtige Ansätze und Motive beim volksliedbasierten Singen in der Volksmusikpflege des Bezirks Oberbayern. Ernst Schusser, Leiter Volksmusikarchiv und Volksmusikpflege des Bezirks Oberbayern
-) Von der Alp in den Salon. Die Schweizer Kühreihensammlungen des frühen 19. Jahrhunderts und ihre Rezeption in der Kunst- und Volksmusik. Brigitte Bachmann-Geiser, Ethnomusikologin, derzeit Lehrbeauftragte am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien

14.30 – 17.00 Uhr
-) Die Gassenstückl. Zu einem Marginal des burgenländischen Hochzeitsbrauchtums. Sepp Gmasz, Kulturhistoriker, Ehrenobmann Burgenländisches Volksliedwerk
-) Projektpräsentation Salzburger Straßenmusik. Roswitha Meikl, Salzburger Volksliedwerk
-) Von der Wiese in den Ballsaal ... Transformation ein Konzept der Volkstanzpflege? Else Schmidt, Lehrerin am Haydn-Gymnasium Wien, Lehrbeauftragte am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, BundesArge Österreichischer Volkstanz
-) Die Kaiserwiese in Wien – ein Ort urbaner Volkskultur? Irene Egger, Österreichisches Volksliedwerk

18.00 – 19.30 Uhr
Musik im Museum - Exkursion 
Führung durch das Musikinstrumentenmuseum Schloss Kremsegg mit dem Kurator Michael Söllner

Im Anschluss Abendessen im Gasthof König in Kremsmünster

Samstag, 29. August 2015

9.00 – 12.00 Uhr
-) „Wo die Musi spielt“ – Feldforschen im Industrieviertel. Katharina Thenius-Wilscher, Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
-) „Matthias“ Tresterer: KUNST ORT BRAUCH. Thomas Hörl, Künstler und Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Leiterin Salzburger Landesinstitut für Volkskunde
-) Projekt "Interkultureller mobiler Musikunterricht". Wege musikalischer Relokation für AsylwerberInnen im Dialog mit regionalen Initiativen der Volkskultur und der Weltmusik. Karin Bindu, Ethnologin, Yaseen Mohammadi und Hamid Hazara aus dem Haus der Jugend Rechnitz, Norbert Schmid, Instrumentenhersteller

ab 12.00 Uhr
Musik und ihre Orte – Resümee und Ausblick, Justin Stagl, Universität Salzburg, Diskussionsleitung. 
Diskussion mit Klaus Petermayr, Eva Maria Hois, Else Schmidt, Irene Egger


Alle Programmpunkte sind öffentlich zugänglich, bieten im Anschluss Zeit für Diskussion und finden, sofern nicht anders vermerkt, im Hotel Magerl in Gmunden statt.

Das Programm ist in Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Kommission des Österreichischen Volksliedwerks entstanden.