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Volkskultur als Dialog

Erbschaften, Traditionslinien und Prägungen

Call zu den Sommerakademien des Österreichischen Volksliedwerks


Die nächsten beiden Sommerakademien greifen das Thema Erbschaften auf. Von 23. - 26. August 2017 mit Traditionslinien geht es um Kontinuitäten und Brüche in der Praxis der Volkskultur. 2018 zielt die Sommerakademie auf diese Prägungen eher institutioneller Art ab.
 
Kulturelle Erbschaften gehören in das Denken der Moderne. Sie drücken sich aktuell in kulturwissenschaftlichen und politischen Debatten um die „Erinnerungskultur“, das „Immaterielle Kulturerbe“ der UNESCO oder „Heritage“ aus, so dass man von einem „Memory boom“ spricht. Auch die Archive arbeiten unter dem Stichwort „Digital Heritage“ ihre Dokumente auf und ordnen sie neu, um sie weltweit verfügbar zu machen.  
 
Mit den Traditionslinien wollen wir Vorstellungen von Kontinuitäten verstehen, die man auf ihre Geschichte, ihre Genese, ihre intendierte Wirksamkeit und ihre Haltbarkeit befragen kann. Die Suche nach solchen Kontinuitäten scheint sich in der Gegenwart zu verstärken. Verschiedene Phänomene im Alltag, wie die Vorstellungen und Bilder von „Musikerdynastien“, die wieder- oder neuentdeckt werden, unterstützen eine solche Vorstellung von Kontinuität. Auch der Gattungsbegriff der „Familienmusik“ gehört dazu. Sie enthalten nicht nur eine Idee von der Form musikalischer Wissensvermittlung. Solche gesetzten Kontinuitäten können als innerfamiliäre Zusammenhänge und verschiedene Formen des alltäglichen Verwobenseins in Nachbarschaft, Gemeinde und Brauchgeschehen beleuchtet werden. Andere Fragestellungen, wie etwa die Gender-Frage ließen sich auf den Bereich der familiären wie der lokalen Wissensvermittlung anwenden. Traditionslinien bedeuten also mehr als nur eine Weitergabe von Wissen.
 
Die regionalen Formen der Volkskultur und die musikalischen Prägungen dieser haben oftmals mit öffentlichen Institutionen und Bildungseinrichtungen zu tun. Traditionslinien und Prägungen könnten als Gründungserzählungen- oder mythen der Volkskultur gehandelt werden. Dabei sind auch Liederbücher und andere Dokumente volkskultureller Praxis als Erbschaften zu verstehen. Hier kann am Material die fixe Idee der Mündlichkeit als „essential“ diskutiert werden. Instrumente und deren Hersteller lassen sich als regionalspezifisch lesen. So werden diese ebenso mit Kontinuität als Prädikat betrachtet. Das reicht bis in das Regional-Marketing, womit das Bild von Regionalität als ein bewusst Konstruiertes vermittelt werden kann. Viele der als regional deklarierten Spezifika sind erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie wurden vom Gewöhnlichen zur Besonderheit verändert oder zum Typischen (meist „Ländlichen“) regionalisiert. Dabei ließe sich fragen, inwieweit Landbilder nicht ohnehin in der Stadt entstanden sind. Die seit Anfang des 20. Jahrhunderts diskutierte Frage, ob das österreichische Volkslied die Klassik oder die Klassik das Volkslied beeinflusst habe, gehört dazu. Initiativpersonen wie Stilbildner haben solche Fragen aufgeworfen, sie mit musikalischen Stilen verbunden und als regionale Spezifika deklariert. Als zentraler Aspekt von Erbschaft erzeugen sie Traditionslinien wie auch Prägungen, in dem sie Stile markant machen, durch Rhythmik, Linien, Melodieführung oder dominante Instrumente. Wichtig sind im Zusammenhang mit Erbschaften prägende Persönlichkeiten von VermittlerInnen als auch ForscherInnen, deren Aktivitäten und deren Bedeutung, mit der Regionalisierung und Nationalisierung in Verbindung stehen und zu Formen von „Alleinstellungsmerkmalen“ geführt haben. Ist schließlich das „Intangible Heritage“ der UNESCO mit der Fixierung bestimmter Genres und Gattungen auf dem Weg zur Re-Regionalisierung und Nationalisierung  zu verstehen? Die beiden genannten Aspekte, Traditionslinien und Prägungen, sind nicht trennscharf und dienen nur als Anhalt. VertreterInnen von volkskulturellen Verbänden, Initiativen und Einrichtungen sowie MusikerInnen, SängerInnen und TänzerInnen, PädagogInnen, Studierende, KulturwissenschaftlerInnen, VertreterInnen aus Wirtschaft und Tourismus und alle in der Volkskultur tätigen Personen sind eingeladen Beiträge in Form von Vorträgen, Workshops und Diskussionen für die Sommerakademien 2017 und 2018 bis 31. März 2017 einzureichen.