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Handschrift aus Palfau, 30 Ländler in G, um 1810
aus dem Raimund Zoder Volkstanzarchiv Reihe E85



Walter Deutsch-Preis 2013

 
Die Entscheidung, den „Walter Deutsch-Preis“ im Jahr 2013 dem Musiker und Musikwissenschaftler Hermann Fritz zu verleihen, stützt sich auf dessen herausragenden musiktheoretischen Arbeiten zu Inhalt und Form der Volksmusik in Österreich.
 
Die genuine Mehrstimmigkeit und deren vielfältig angewendeten Stimmführungspraktiken zeigen sich in besonderer Art in den Jodlern, welche in Hermann Fritz’ Arbeiten das primäre Untersuchungsfeld darstellen. Die diffizilen Transkriptionen des Gehörten, ergänzt mit Einzelheiten zur individuellen Interpretation der Ausführenden, erlauben durch Notenbild und Beschreibungen erstmals einen umfassenden Einblick in multiple musikalische Vorgänge in traditionellen Sing- und Musikstilen. Seine Arbeiten „Persönliche Musizierstile von Tanzgeigern im Salzkammergut“ (1988) und „Interpretationsweisen der Jodler im salzburgischen Ennstal“ (1990) gehören inzwischen zu den Standardwerken für analytische Studien an den tausendfältig verfügbaren Dokumenten österreicherischer Volksmusik.    
 
Hermann Fritz’ eigene „Analytische Studien zur Metrik des Muotataler Juuz“ (1997) stellen einen Höhepunkt in der Befassung mit jodlerischen Singformen dar. Hier wurden die Erkenntnisse aus selbst Gehörtem auf ein historisches Material übertragen, um das, durch das freimetrische Singen verdeckte, aber zugrunde liegende Metrum als intendierte rhythmische Gestalt sichtbar zu machen. Damit verbunden sind auch die „Probleme und Ziele der Musiktranskription“ (1992), welche „als Problem die Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker beschäftigt“.
 
Aufgrund seiner analytischen Fähigkeiten verfasste Hermann Fritz 1993 zum nie endenden Diskurs über das Begriffsfeld „Volkslied“ eine bedenkenswerte „Untersuchung über Volksmusik- und Volksliedbegriffe“. Damit wollte er „zeigen, welche Argumente in einer solchen Diskussion möglich sind und welche aus rein logischen Gründen nichts fruchten können.“ Die unterschiedlich angewendeten Kriterien spiegeln die jeweiligen Forschungsinteressen und Forschungsziele. Letztlich dreht sich die Diskussion stets nur um Benennungen und Begriffe und nie um Musikstile und deren inhaltliche Ausformungen.  
 
Zur stilistischen Unterscheidung der Ländlertypen liegt ein grundlegender Beitrag vor, so wie auch die tief greifenden Forschungen zur Typologie der Mehrstimmigkeit in Österreich.
 
Hermann Fritz hat mit seinen Arbeiten die Kenntnis über Inhalt und Form, über Geschichte und gesellschaftliche Abhängigkeiten der Volksmusik wesentlich bereichert. Mit seinen analytischen Untersuchungen hat er einen neuen Weg der Volksmusikforschung in Österreich beschritten. Als Volksmusikant prägte er selbst Musizierstile und Ensembles.                                                                                                                  
 

Ausgewählte Werke von Hermann Fritz

Persönliche Musizierstile von Tanzgeigern im Salzkammergut.
In: Volksmusik. Forschung und Pflege in Bayern. München 1988, S. 280-308.
Kontinuostimmen. Ein Beitrag zur Typologie volkhafter Mehrstimmigkeit in Österreich.
In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerks 36/37 (1987/88), Wien 1988, S. 30-70.
Landtler, Steirer, Schleuniger. Zur musikalischen Typologie des Ländlers.
In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerks 38 (1989), S. 62-82.
Interpretationsweisen der Jodler im salzburgischen Ennstal.
In: Die Volksmusik im Lande Salzburg. Schriften zur Volksmusik, Bd. 13 (1990), S. 39-50.
Probleme und Ziele der Musiktranskription.
In: Sommerakademie Volkskultur 1992. Dokumentation. Wien 1992, S. 98-101.
Zur Ländlerhandschrift 1928 des Franz Jobstmann in Jeutendorf.
In: St. Pölten und Umgebung (= Corpus Musicae Popularis Austriacae, Gesamtausgabe der Volksmusik in Österreich 1, Hrsg.: Niederösterreichisches Volksliedwerk), Wien 1993, S. 398-437.
Untersuchungen über Volksmusik- und Volksliedbegriffe.
In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerks 42/43 (1993/94), S. 92-144.
Analytische Studien zur Metrik des Muotataler Juuz.
Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie eingereicht an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien (1997), 211 S.
Gemeinsam mit anderen Autoren:
Gerlinde Haid, Hermann Fritz, Maria Walcher: Volksmusik im Wirtshaus. Begleitveröffentlichung zum Wissenschaftlichen Film C 2322 des ÖWF.
In: Wissenschaftlicher Film Nr. 42, Wien 1991, S. 119-128.
Emil Lubej, Hermann Fritz, Walter Deutsch: Diakritische Zeichen für Transkriptionen nach Tonbandaufzeichnungen. In: Sommerakademie Volkskultur 1992. Dokumentation, Wien 1992, S. 102-104.
Hermann Härtel, Ingeborg Härtel, Hermann Fritz, Lisl Waltner, Volker Zimmermann:
Im Ochsenhimmelreich - Rinderversteigerung in Semriach, Steiermark. Begleitveröffentlichung zum Wissenschaftlichen Film C 2614 des ÖWF.
In: Wissenschaftlicher Film Nr. 48/49, Wien 1997, S. 71-90.
Elisabeth Bezdicek, Hermann Fritz, Dominik Schweiger, Sabine Seuss:
Stimmen zur Zukunft der Musik. Diskussionsstoff zum Jubiläum. In: Österreichische Musikzeitschrift 4/1999, S. 64-66.

Juryentscheid

 Hermann Fritz hat die Annahme des Preises abgelehnt. Vorstand und Jury (Wissenschaftliche Kommission) respektieren diese Entscheidung. Sie ändert nichts an beider Überzeugung, dass mit Hermann Fritz eine Person als Preisträger vorgeschlagen war, deren Arbeit und Kenntnisse den Vergaberichtlinien für den Preis entsprechen. Wir sind daher übereingekommen, den Preis 2013 nicht zu vergeben. Doch wollen wir die Gründe für unsere Entscheidung, Hermann Fritz zu nominieren, mitteilen und auch die darauf erfolgte Ablehnung bekanntmachen. Das sei hiermit getan.
 
Walter Deutsch und Konrad Köstlin

zum Walter Deutsch Preis